Libretto: 

(verfasst von Andreas Ohrenschall, sowie die Introduktion „über das Andere“ von Peter Simon Altmann
sowie die Deutungen der drei Wissenschaftlerinnen)

Prologos

(Andreas Ohrenschall)

Wohin Dein Arm nicht reicht
nimmst Du einen Stab.
Wohin dein Stab nicht reicht
stößt Du Schreie in die Zeit.
Wohin dein Schrei nicht reicht
schreibst Du einen Zettel.

In der Hosn vergessen
an der Kerzn verbrannt
von da Nachwelt verkannt
oder einfach draufgsessen
schluckst eam einfach runter
essn dadst was’d scho gwusst
gschriam håst’s fia de da draußn
gschrian håst’s fia di seiba da drin.“

Introduktion, „über das Andere“

(Peter Simon Altmann)

François Jullien nennt es Das Intime, Victor Segalen spricht in seiner Ästhetik vom Diversen, Hartmut Rosa bezeichnet es in seiner jüngsten Publikation als Resonanz, ich nenne es zusammen mit Emmanuel Levinas

Das Andere.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mir wurde angetragen über Utopie zu sprechen. Ich bin an diesem Thema vor einem Dutzend von Jahren schon einmal gescheitert, beziehungsweise habe ich mich damals mittels eines literarischen Taschenspielertricks aus der Affäre gezogen, indem ich in einem kurzen Essay über meine Hemmungen räsoniert habe, warum ich mich nicht zum Thema Utopie äußern kann. Die Seiten können Sie in dem Buch »Nirgendort« unter dem Titel »Der zerbrochene Bleistift« nachlesen.

Ich beginne meine Ausführungen über Das Andere mit einer Stelle aus »Rot und Schwarz« von Stendhal, die mir nicht mehr aus dem Sinn geht, seit über drei Monaten kommen meine Gedanken immer wieder darauf zurück. Julian Sorel, der Held des Romans, wartet im Kerker auf seine Hinrichtung. Er hadert nicht primär mit dem Schicksal seines unmittelbar bevorstehenden Todes, sondern mit der abgrundtiefen Einsamkeit, die ihn umgibt. »Ein jeder ist allein… Allein! Welche Hölle!«, lauten seine verzweifelten Worte, und in der stickigen Zelle wird ihm – in einem Moment der Wahrheit – bewusst, warum er leidet. »Es ist nicht der nahe Tod, nicht das Gefängnis, nicht die Kerkerluft, die mich niederwirft. Es ist die Trennung von Luise Rênal!«, heißt es im Roman weiter, und Sorel hätte sich über die gleichen Umstände nicht beklagt, wenn er nur mit seiner Liebe hätte verbunden sein können.

Sie müssen bedenken, dass Julian Sorel der Hauslehrer der Kinder von Madame Rênal gewesen war und die Frau des Hauses verführt hatte. Aus der verbotenen Liaison, die anfangs vielleicht wirklich nur eine Spielerei gewesen war, wurde jedoch eine tief empfundene Liebe. Die sich entwickelnde große Leidenschaft dieser auf Grund der äußerlichen Umstände schwierigen Beziehung gipfelte sogar in Pistolenschüssen, die Sorel auf Luise Rênal abfeuerte. Madame Rênal hat die Attacke schadlos überlebt und ihrem Geliebten verziehen. Die Tat lässt sich nachvollziehen, wenn man die ganze Geschichte kennt. Julian Sorel wartet nun im Kerker auf die Strafe, die damals in Frankreich auf Mordversuch stand.

Frau Rênal reißt sich schließlich von Ehemann und Kindern los und besucht Julian zweimal täglich in seiner Kerkerzelle. Und Julian Sorel erfährt in diesen wenigen Tagen vor seiner Hinrichtung in der neuerlichen Begegnung mit Luise Rênal Das Andere. »Ich wäre gestorben, ohne das echte Glück zu erfahren, wenn du nicht zu mir in mein Gefängnis gekommen wärst!«, sagt er zu ihr. »Ihr gegenüber hatte Julian keine kleinliche Eigenliebe«, heißt es weiter im Roman. Julian Sorel erlebt kurz vor seinem Tod, wenigstens einmal in seinem Leben, echte Zweisamkeit, echte Gemeinschaft. Wenigstens einmal konnte er sich von seiner narzisstischen Selbstbespiegelung befreien und sein Ich gleichsam aufgeben.

Und die Erfahrung dieses Anderen ist so tief, dass Sorel gestärkt in den Tod gehen kann. Die Erfahrung, dass es etwas Anderes gibt, lässt ihn sein leidliches Schicksal freimütig akzeptieren. Julian Sorel hat erfahren, was man als den Sinn des Lebens bezeichnen könnte: Das Erleben des Anderen.

Wie gesagt, geht mir der Schluss dieses Romans von Stendhal seit Monaten nicht aus dem Sinn. Eine Sehnsucht hat mich ergriffen.

Ein anderer Gefängnisinsasse und zum Tode Verurteilter drängt sich mir auf. Kein fiktiver dieses Mal – der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer. Bonhoeffer konnte sein prekäres Schicksal auch mutig tragen, da er Das Andere in der Begegnung mit Gott erfahren hat. Aurelius Augustinus versieht das Absolute denn auch mit dem Epitheton »aliud, valde aliud« (anders, sehr anders) – Gott ist der »Ganz-und-Gar-Andere«.

Und ich nehme noch einmal Anleihe bei der christlichen Mystik: Das Zinnkrug-Erlebnis von Jakob Böhme. Eines Tages fällt Jakob Böhme ein altes Zinngefäß auf, in dem sich gerade die Sonne spiegelt und wird plötzlich, während er den Gegenstand anstarrt, in eine andere Welt entrückt. Die ganze Herrlichkeit der Schöpfung blüht auf einmal in dieser Szene auf. »Dies ist nur ein schlechter grober Zinnkrug und doch ist in ihm die ganze Sonne«, so seine Worte. Böhme vermochte für einen Moment in den Weltinnenraum zu blicken und erkennt, dass alles sich nur an seinem Gegenüber zu offenbaren vermag, Wahrnehmung nur durch Das Andere glücken kann.

»Die Hölle, das sind die Anderen« lautet einer der meistzitierten Sätze aus dem Œuvre von Jean-Paul Sartre. Für den französischen Existenzialisten ist das Wesen der Beziehung nicht das Mitsein, sondern der Konflikt. Sartre hat auch eine treffende Analyse über den narzisstischen Charakter des modernen Menschen geliefert, der zwangsläufig in ein so misstönendes Verhältnis zu seiner Mitwelt gerät: »Narziss hat Angst vor den Menschen, ihren Urteilen, ihrer realen Gegenwart; er wünscht nur, eine aufkeimende Liebe zu sich selbst zu empfinden, er verlangt nur etwas Abstand zu seinem eigenen Körper, nur eine dünne Lasur Alterität [Andersartigkeit] auf seiner Haut und seinen Gedanken.«

Dem Anderen wirklich zu begegnen ist nur dann möglich, wenn ich ihn nicht sogleich unter die Dominanz des Selben stelle beziehungsweise meinen Bedürfnissen einverleibe. Victor Segalen und Emmanuel Levinas haben betont, dass es unmöglich ist, das Andere vollständig zu begreifen beziehungsweise den Anderen vollständig in uns aufzunehmen. Er ist und bleibt ein unergründliches Geheimnis, das umso größer wird, je mehr ich es erkenne; gerade darauf beruht echte Zweisamkeit. »Der Exotismus [Exotismus steht hier für Das Andere] ist also keine Anpassung; es ist also nicht das vollkommene Begreifen eines Nicht-Ich, das man sich einverleiben könnte, sondern die scharfe, unmittelbare Wahrnehmung einer ewigen Unverständlichkeit«, schreibt Segalen in seiner Ästhetik. Für die Wahrnehmung des Anderen muss man folglich richtig disponiert sein. Nur wer dazu bereit ist, den Blick zu öffnen und das Eigene zu verlassen, kann zum Anderen gelangen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, dessen dreihundertsten Todestag wir heute mit etwas Verspätung gedenken, prolongierte und fundierte theoretisch eine Raumvorstellung, die auf Beziehungen beruht – eine Vorstellung, die in unserer spätmodernen Zeit mit gleichsam omnipräsenter Vernetzung via Internet, Instagram, Facebook und Skype höchst aktuell und attraktiv geworden ist. Der Baumeister Fischer von Erlach, der mit Leibniz brieflich in Verbindung stand und sich mit ihm über seine Ideen austauschte, hat diese relationale Auffassung von Raum hier in der Kollegienkirche architektonisch umgesetzt. Dort, wo im Mittelschiff gewöhnlicher Kirchenbauten, der Hochaltar den Fluchtpunkt markiert, hat Fischer von Erlach den Raum geöffnet: wir werden – wenn das Licht in rechter Weise einfällt – durch die Fenster förmlich aus der Kirche hinaus- beziehungsweise hinaufgezogen zum Anderen hin. Die Geschichte von einem Menschen wäre zu schreiben, der sich auf die Suche nach diesem Anderen begibt beziehungsweise – um mit Levinas zu sprechen – der Spur des Anderen folgt.

Wechselgesang der Heils- und Unheilsverkündung

(Andreas Ohrenschall)

Heilsverkündung

Starrt ihr nicht auf des Wassers glitzernde Ringe der
Nacht, gewährt ihr nicht Tropfen für Tropfen für Tropfen
auftatmend den Blick der Dinge auf Euch?
Seht ihr so nicht besser der Augen Pläne,
des Willens Zähne, der Sonne Träne
Was spült dich ins Wort, was lässt Dich sagen, was dich
formen nächste Tage, Jahre – wo ein halber Traum
zum ganzen Bildnis drängt, gestülpt über das Zucken
deiner Wünsche?
Was lässt Dich erkennen, wo ohne Ziele die Zeit gefangen
wird als samt‘ne Wand zwischen Dir und einer
Gültigkeit, an der tausend Hände stricken seit Anbeginn
des Zeigens.

Unheilseilsverkündung

Starrt ihr nicht auf des Blutes geronnenen Glanz,
gewährt ihr nicht Tropfen für Tropfen für Tropfen
aufschreiend den Blick der Toten auf Euch?
Seht ihr so nicht besser der Herzen Zähne,
des Willens Häme, des Schädels Träne.
Was spült dein Wort ins Reich abgewunkener Gedanken,
was lässt Dich verstummen, was deine Arme sinken,
wo nur Bilder zu fremdem Vorsatz locken und nicht dein
Wunsch zum eigenen.

Interpretationibus Interruptio 1 – Deuterin Theologie
Heilsverkündung

Einige sahen das Erreichen eines Bewusstseins, das uns
ewigen Frieden gestalten lässt, weil wir doch nicht anders
können, als überleben zu wollen in Gemeinsamkeit
mit den anderen…

 

Er wird zu sich kommen der Mensch als Mensch in dem,
was er erschafft, sagen sie, um sich im Glück der anderen
zu finden, indem wie wir einanderer hervorbringen
werden.

 

Große alles erfüllende Sehnsucht ist der Liebe erlebtes
Selbst. Ihr seht wie im Wachsen ihr Euch selbst zu lieben
beginnt, dann Eure Nächsten und Eure Fernsten und
zuletzt reift für die, die nach uns kommen werden.

 

Für Dürre, ewig blauen Himmel, sagen sie, kreisen um
uns Vorboten, Anzeichen und Verödung , um uns schon
sei die Quelle vernichtet , der wir entstiegen. Aber! so
sehr würden Orte wie der unsere gesucht und durchworben
– anderen zum rettenden Beispiel.

Unheilseilsverkündung

Doch einige sprachen vom Unheil, das hereinbricht seit
Generationen und weiter hereinbrechen wird, weil sie
nicht anders könnten, als überleben zu wollen ohne den
anderen in seinem Überleben.

 

Er wird sich selbst verlassen der Mensch als Mensch in
den eigenen Hervorbringungen, sagen sie, erzeugt zur
Vermeidung der Mühe, um neue Mühen hervorzubringen.
Großer alles verschlingender Götze ist im Geld verkörperlichtes
Selbst. Ihr seht nicht, was er alles zerstört.

 

Ihr seht nicht, wie ihr Euch selbst zu hassen beginnt,
dann Eure Nächsten und Eure Fernsten und zuletzt auf
diejenigen vergesst, die nach uns kommen werden.

Für Dürre, ewig blauen Himmel, sagen sie, kreisen um
uns Vorboten, Anzeichen und Verödung, um uns schon
sei die Quelle vernichtet, der wir entstiegen. So sehr
würden Orte wie der unsere gesucht und durchworben.
Woanders werden sie sich erschlagen wegen eines Bechers
Wasser zuviel oder zu wenig.

Deutung Theologin

(Dr. Silvia Arzt)

„Eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden, eure Alten werden Träume träumen und eure jungen Leute Visionen haben.“ (Joel 3,1b)  Das Projekt Prophescene als Resonanzraum für die prophetische Rede der biblischen Tradition.

„Eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden, eure Alten werden Träume träumen und eure jungen Leute Visionen haben.“ So heißt es im Buch Joel. Ein maßgeblicher Teil der uns überlieferten biblischen Schriften besteht aus prophetischen Texten.

Die cultural studies – und mit ihnen auch eine kulturwissenschaftlich orientierte Theologie – betrachten Kultur(en) als hybride und fluide Rhizome   – als sich immer wieder erneuernde und sich verändernde Flechtwerke und Gewebe, in die WIR  Menschen verwickelt sind, die WIR aber auch mit-weben und mit-gestalten.

Ein Faden dieses Gewebes auch UNSERER Kultur sind die abrahamitischen und saraitischen religiösen Traditionen . Sie sind in das „kulturelle Gedächtnis“  eingegangen, sind und werden auch in unserer (post-)säkularen Zeit  (immer noch und immer wieder) deutlich sichtbar: als ein Gewebefaden unter anderen (und nicht mehr über allen anderen); auf gesellschaftlicher wie auch auf individueller Ebene.

Der Prophet Joel spricht im 4. Jh. v. Chr. zum Volk von Juda, von Naturkatastrophen heimgesucht und von kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht. Die Erinnerung an die am Berg Sinai erfahrene barmherzige Gottheit nährt die Hoffnung auf Frieden und auf eine wirklichkeitsverändernde Macht: die Geistkraft Gottes . Wenn Juda umkehrt, dann werden Hunger und Kriege ein Ende haben.  Juda wird in Ewigkeit bestehen bleiben, von unzähligen Generationen bewohnt werden – und mittendrin – „auf Zion“ – wohnt GOTT, „die Ewige“.

Auch heute erleben WIR Kriege, die Menschen töten, ihnen Gewalt antun und sie heimatlos machen, auch heute erleben wir Versteppung, Verödung und Verseuchung von ganzen Landstrichen und Meeren, werden Menschen, Tiere und Pflanzen ihrer Lebensgrundlagen und ihrer Lebensmöglichkeiten beraubt. Biblische Texte und Sprachmuster aktualisieren sich nicht kontextlos. Ihr Sinnpotential kann sich entfalten, wenn die Erfahrung der Menschen hinter diesen Texten mit den Erfahrungen der Menschen heute zusammentreffen, in Kongruenz kommen und damit ein Resonanz-Raum entsteht.

Manche Menschen mit Geistkraft greifen auch heute auf biblische Sprachmuster – wie die prophetische Rede – aus ihrem kulturellen und/oder biografischen Gedächtnis zurück . Heute, hier in diesem Kirchen-Raum, werden manche dieser Resonanzen hörbar, sichtbar, spürbar, erlebbar – und vielleicht – performativ.

Interpretationibus Interruptio 2 – vor Deuterin Kommunikationswissenchaft
Heilsverkündung

Und kaum jemand sprach vom Schrecken zerfetzter Körper,

 

Viele sprachen von der Zukunft im Selbstverhürdeten,
kaum von der anderen Jetzt.

 

und weil wir nicht warten können auf Vorzeichen, aber wir nehmen wir uns nun die Zeit, die wir nicht voraussehen, die wir erspüren aus Gewesenem, damit jeder verstehe sich und die Welt, bevor er die Stimme, den Arm hebt, um sein Handeln in uns zu werfen..

 

Aber Teilen wird und Gerechtigkeit sein – und jegliche Sorge um Brot und Dach verweht, wir durchflossen vom Genuß der Seligkeit in anderen sein werden..

 

Wir werden uns retten, wir werden gerettet werden durch unerklärliche Hoffnung, ein Strahl, gerichtet in der Zeit…

 

 

Unheilseilsverkündung

 

Und kaum jemand sprach von der Todessehnsucht jüngster Kinder,

 

Und andere ungezählt verweigerten das Sprechen über Künftiges, den freien Fall aus Üblichem ins funkelnd Ungewisse, wo ungeahnte Wege auf Entdeckung warten.

 

und weil wir warten möchten auf Vorzeichen, geführt werden möchten von bizarren Mustern und gebleichten Pergamenten, vom behaglichen Gestank des eignen Bangens bis kein Maß mehr genommen werden kann zwischen gestern und heute

 

…Teilen wird und allen wie es ihnen zusteht nach Wert und Nutzen. Wer sich sorgt, der steht in Flammen, die Zukunft leuchten lassen.

 

Wir werden verfallen, wir werden untergehen, ersticken an Hoffnung und vermodern auf den Lippen eines letzten trotzigen Hauches Glauben.

Deutung Kommunikationswissenschaftlerin

(Dr. Elisabeth Klaus)

Prophezeien / wahr sagen / wahr sprechen / wissen

Mit dem Verhältnis von Wahrheit und Wissen hat sich der französische Soziologie Michel Foucault intensiv beschäftigt.

Was als Wahrheit und gesichertes Wissen gilt ist für Foucault immer mit Macht verwoben. Macht bringt eine Wahrheit und ein Wissen hervor, die der Kritik nicht mehr zugänglich sind, weil sie den Subjekten innerlich sind. Die geltenden Wissens- und Wahrheitsregimes können nicht einfach als Wissen der Mächtigen enthüllt, als Lüge entlarvt werden, weil sie uns als Subjekten zu eigen sind, uns zugleich konstituieren, disziplinieren und regieren.

Für Foucault ist deshalb das Instrument des kritischen Neuverstehens nicht die Prophezeiung und Weissagung, sondern die Archäologie, mit deren Grabungen sich Schicht um Schicht die Vergangenheit offenbart. Und mit ihr die dort lagernden, verschütteten Wissensvorräte ans Licht kommen und damit wirkmächtig werden können, die irgendwann der Macht zum Opfer gefallen sind und dem Vergessen anheimgegeben wurden.

Prophezeiungen, die nicht auf die Genealogie der Diskurse Bezug nehmen, erheben zwar den Anspruch über die Zukunft zu reden, sprechen aber tatsächlich das in der Gegenwart Sagbare aus. Inhalt solcher Prophezeiungen ist nur das, was uns, wenn auch in entfremdeter Form, jetzt, heute, in der Gegenwart das Fürchten lehrt, Alpträume bereitet oder zum Hoffen ermuntert.

Die vielen in Prophescene 2160 gesammelten Dystopien zeigen das ebenso wie die, selteneren, Utopien. In ihrer Verortung im Hier und Jetzt gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Wenn sie Vorhersagen über Katastrophen und gewalttätige Verhältnisse treffen oder im Gegenteil an Vernunft und Menschlichkeit appellieren, sprechen sie doch stets über die Dinge und Themen, die wir zur Zeit täglich und kontrovers verhandeln, über die die Medien berichten und die Politik redet.

Die Science Fiction und Fantasy-Autorin Ursula Le Guin hat über den Sinn und den Zweck von Zukunftsvorstellungen und Gedankenexperimenten wie folgt räsoniert:

„Es ist nicht der Zweck des Gedankenexperiments in dem Sinne, wie Schrödinger und andere Physiker ihn gebrauchten, die Zukunft vorherzusagen – Schrödingers berühmtestes Gedankenexperiment unternimmt ja gerade den Beweis, dass die Vorhersage einer „Zukunft“ auf dem Quantenniveau unmöglich ist – sondern die Realität, die gegenwärtige Welt zu beschreiben.“

Genau darin: In ihrem Sprechen über ein problematisches Heute, in der Offenbarung der Armut des Sagbaren, genau darin kann der Wert, die Wirkung und der mögliche Lerneffekt von Prophezeiungen liegen – wenn wir uns davon berühren lassen, darüber nachdenken, daraus Schlüsse ziehen / und begreifen, dass die produktive Vermittlung zwischen Gegenwart und Zukunft über die Vergangenheit läuft!

Der Prophet Joel spricht im 4. Jh. v. Chr. zum Volk von Juda, von Naturkatastrophen heimgesucht und von kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht. Die Erinnerung an die am Berg Sinai erfahrene barmherzige Gottheit nährt die Hoffnung auf Frieden und auf eine wirklichkeitsverändernde Macht: die Geistkraft Gottes . Wenn Juda umkehrt, dann werden Hunger und Kriege ein Ende haben.  Juda wird in Ewigkeit bestehen bleiben, von unzähligen Generationen bewohnt werden – und mittendrin – „auf Zion“ – wohnt GOTT, „die Ewige“.

Auch heute erleben WIR Kriege, die Menschen töten, ihnen Gewalt antun und sie heimatlos machen, auch heute erleben wir Versteppung, Verödung und Verseuchung von ganzen Landstrichen und Meeren, werden Menschen, Tiere und Pflanzen ihrer Lebensgrundlagen und ihrer Lebensmöglichkeiten beraubt. Biblische Texte und Sprachmuster aktualisieren sich nicht kontextlos. Ihr Sinnpotential kann sich entfalten, wenn die Erfahrung der Menschen hinter diesen Texten mit den Erfahrungen der Menschen heute zusammentreffen, in Kongruenz kommen und damit ein Resonanz-Raum entsteht.

Manche Menschen mit Geistkraft greifen auch heute auf biblische Sprachmuster – wie die prophetische Rede – aus ihrem kulturellen und/oder biografischen Gedächtnis zurück . Heute, hier in diesem Kirchen-Raum, werden manche dieser Resonanzen hörbar, sichtbar, spürbar, erlebbar – und vielleicht – performativ.

Interpretationibus Interruptio 3 – vor Deuterin Psychologie
Heilsverkündung

Salzburg wird Hauptstadt Österreichs

 

Salzburg wird autonome, autochtone, polygone, polychrome Republik.

 

Salzburg wird ein Beispiel für die Welt

 

Salzburg wird der heilsamste Ort

 

Salzburg wird ausstrahlen in diesem Geist auf andere Länder

 

Salzburg heißt nicht mehr so viele willkommen, weil es paradiesisch wird auch in anderen Städten

 

eine gelbe und zwei rote Scheiben werden thronen hinter den Altären, denn Salzburg wird Matriarchat

 

und wird entlarvt und entlarvt, entlarvt, verpuppt, verpuppt bis wieder Schmetterlinge unserem Gesang entgegenflattern

 

 

Unheilseilsverkündung

 

Salzburg wird zugebaut, Idyllenquarantäne

 

Salzburg wird Reservat für die Reichsten, Reservat für eigentliche Sehnsucht, Reservat für Reservate vertriebener Sätze, Reservat für alles, was nicht so gemeint ist, wie es gesprochen wird.

 

Salzburg wird gekauft von fernem Geld

 

Salzburg wird bezahlt von ewigen Gästen

 

Salzburg heißt alle willkommen, und Sommerfrische in allen Trachten des Globus, bisweilen bejubelt, bisweilen bespuckt.

 

Das Gold, das Gold, Schlüssel aus Gold, neues Wappen für die Stadt – goldener Schlüssel in der Brust eines Krämers

 

Salzburger trauern um das Patriarchat

 

und wird entlarvt und entlarvt entlarvt verpuppt verpuppt bis kein Schmetterling mehr unserem Gesang entgegenflattert

Deutung Psychologie

(Mag.a Katharine Vachuda-Schweiger)

Die Psychologie und die Prophezeiungen waren immer schon ziemlich beste Freunde. So ist es ein wesentlicher Bestandteil psychologischen Suchens, menschliches Verhalten vorherzusagen und richtig zu interpretieren. Aber es ist auch eine tiefe Sehnsucht aller Menschen, die Zukunft zu schauen. Vor allem um die Angst im Hier und Jetzt zu lindern. Denn letztendlich wissen wir nicht was kommt und dieses große NICHTS ist der Tod. Eine Leere, schwer auszuhalten. Da ist es uns lieber, das Nichts mit Phantasie zu füllen, egal ob Utopie oder Dystopie. Und noch lieber ist uns, die Anderen füllen die Zukunft mit Prophezeiungen, ob in Horoskopen, als Ärzte, ja Psychologen, Theisten, Wissenschaftler, Hellseher oder Künstler. Denn dann sind Die schuld, wenn´s stimmt oder eben nicht….

Bei einer ersten Durchsicht mancher Prophezeiungen fällt auf: Hier spiegelt sich die Angst. Die Angst davor, dass alles schlimmer wird. Und die Angst ist eine seltsame Emotion. Einerseits ist sie wichtig, weil sie uns in wirklich bedrohlichen Situationen schützt.

Anderseits hindert sie uns, positiv auf die Welt zuzugehen. Aber ein Mensch kann sich am besten entwickeln und lernen,  wenn er weitgehend ohne Angst und mit Urvertrauen dem Leben entgegentritt. So sind auch einige Vorhersagen verankert im Hier und Jetzt, blicken in die Zukunft Salzburgs aus dem Gefängnis der Gegenwart. Sie geben Zeugnis von Wünschen,  Ängsten und Hoffnungen der Salzburger.

Bei einer zweiten Betrachtung der gesammelten Prophezeiungen hat sich gezeigt, dass manchen gelungen ist, was Peter Simon Altmann als essenziel hervorgehoben hat: „Nur wer bereit ist, den Blick zu öffnen und das EIGENE zu verlassen, kann zum Anderen gelangen…“ Und diese Freude an der Utopie macht neugierig auf das Leben 2023 und 2160!

Interpretationibus Interruptio 4 – Zitat aus Leibniz‘ Monadologie – vor Baptistophon und Verschließung der Prophezeihungen

Aber die Seele kann in sich selbst nur das lesen, was in ihr klar vorgestellt wird, und sie kann nicht auf einmal alle ihre EInfaltungen auseinanderlegen, da diese ins Unendlichen gehen..

Mais une Ame ne peut lire en elle-même que ce qui y est représenté distinctement, elle ne saurait développer tout d’un coup tous ses replis, car ils vont à l’infini.

Beschluss und Schließung der Truhe mit allen Prophezeihungen – Improvisiertes Sprechen.

Baptistophon

Christian Ist es gut?

Dorit: Mhmm..

Christian: Ist es immer noch gut so ?

Dorit: Mhmm

Kopfpfleger: Wie ist es am besten?

Dorit: es ist am besten wie es ist – Kopf und Körper – großes Beet- Deine Hände – wühlen wie verordnet, um kalte Blüten , ich steck den Kopf schwerelos durch des Tages Tür in einen andren...

Christian: Nach unten geneigt und eingetaucht im Oben, wurzelnd nur an feinsten Adern, Kein Werk wie eines Baumes Schopf, keine Gischt aus eines Traumes Topf, die mir die Hände sengen würde…

Dorit: Nur eine letzte Pose vor dem reinen Reden ost der Beginn des Abschieds von den Gesten Töne tragen ab die Posenhalde, Gebärde um Gebärde Alter Honig tropfend aus jüngstem Sprechen besprenge diesen Raum unbedacht und ohne Bild und ohne Sinn damit wir Zeit empfinden – sie aber nicht erfüllen- und ihr so den Raum des Endenden entziehen Mein Wort macht dir Empfindung ohne Grenzen….

Christian: ..zum umgerüsteten Gerät eines immergleichen Fühlens, das aber doch die Wege seine Wirkens neu verästelt im Sagen oder im Betrachten…. Wie verzagte Gartenfeste, unter Gartenlauben und im lauen Glauben, wir seien fähig der Sicht ins Kommende, nur weil wir gehen von hier nach da
mit Wollen und gesäumt von Schlieren des Geschehenen -mal wie Schleier mal wie Meeresblick.

Letzte Klänge/Purgatorium und Lichtgeburt

Fin