Ein Tag im Leben der Andrea N. im Jahre 2023

By 20. Oktober 2016Prophezeiung

Punkt 7 werde ich von einer tiefen männlichen Stimme aus dem Schlaf geweckt. Diese ist aber nicht etwa von meinem Mann, der neben mir im Bett schläft, nein, sie kommt aus dem Computer. Ich habe sie aus hundert von Stimmen ausgewählt, um mich morgens zu wecken. Und ja, ich bin 52 Jahre alt und immer noch allein, so wie etwa 60% der Weltbevölkerung. Die Welt hat sich auf Singles eingestellt. Ich stehe auf und gehe ins Bad. Ich habe die Dusche auf 5 Minuten eingestellt, da Wasser mittlerweile kostbar und rar geworden ist. Abgesehen davon hätte ich sowieso nicht mehr Zeit zum Duschen. Nach dem Duschen stehe ich vor meinem digitalen Kleiderschrank, der mir auf seinem Display anzeigt, was ich heute tragen soll, nachdem ich die heutige Stimmungslage eingegeben habe. Das Wetter hat er sowieso schon parat. Wie immer gefällt mir seine Auswahl so gar nicht. In der Küche zeigt mir mein digitaler Kühlschrank auf seinem Display an, was ich heute kaufen muss, und wo in nächster Entfernung ich es am günstigsten bekomme. Ich mache mich also auf den Weg in die Stadt. Dort tummeln sich noch mehr Menschen als früher, die meisten wissen mit ihrer eingesparten Zeit nichts anzufangen. Ich benutze den Fußgänger-Überholweg, denn ich habe es eilig. Aber an einem Schaufenster mit Antiquitäten bleibe ich stehen und sehne mich nach alten Zeiten zurück. Neben mir steht ein Mann, der ausnahmsweise mal ganz passabel aussieht (ich hatte eigentlich die Hoffnung, in der Zukunft gäbe es endlich mal gut aussehende Männer) und ich schaue in seine Glasses. Heutzutage tragen alle Brillen- genannt Glasses- nicht etwa, weil es in Mode gekommen ist, sondern weil man in ihnen das sehen kann, was der andere eingegeben hat. Ich sehe in seinen Glasses, dass er heute Morgen schon festen Stuhlgang hatte. Nein, das wollte ich wirklich nicht wissen, mich hätte nur interessiert, ob er schon vergeben ist, aber diese andere Information hat mich jetzt abgetörnt. Es ist schon erstaunlich, was die Leute so alles von sich preisgeben. Im Supermarkt schaue ich nicht mehr auf die Verpackungen, denn diese versprechen nicht mehr die Wahrheit, sondern scanne mit meinem Smartphone das Produkt ein und weiß genau, woher es kommt und welche Inhaltstoffe es hat. Die Preise sind noch teurer geworden und ich muss gut abwägen, was ich wirklich benötige und was nicht. Es gibt nur noch Selbstbedienungskassen, an denen trotzdem Schlangen warten, weil diese Dinger nie richtig funktionieren. Bargeld gibt es schon lange nicht mehr, es wird alle mit Handy oder Karte bezahlt. Auf meinem Weg nach Hause suche ich vergeblich einen Weg, der begrünt ist. Das Verkehrschaos auf den Straßen hat sich noch verschlimmert, weil jetzt alle Autos selbstständig fahren und das das Bequemste ist. Nachdem ich zu Hause die Sachen im Kühlschrank verstaut habe, mache ich mich auf den Weg zu Arbeit. Ich fahre nicht mehr mit der S-Bahn, sondern mit der Speed-Bahn, die ist drei Mal so schnell, so wird wieder Zeit gespart. Während der Arbeit ist es verboten mit den Kollegen zu reden, da dies von der Arbeit ablenken würde. Wenigstens kann man ihnen in die Augen schauen, weil die Glasses auch verboten sind. Dort sieht man hin und wieder eine Emotion aufflackern. Das persönliche Gespräch kommt viel zu kurz. Aber alleine bin ich nicht, denn ich habe 256 Freunde- virtuell natürlich. Ich habe nur mit einer von diesen persönlichen Kontakt. Um mich mit ihr zu treffen schaue ich im Computer in ihr Profil, dort liegt ihr Terminkalender bereit, und ich trage mich einfach bei einem freien Termin ein. Sie muss dann nur noch diesen Termin bestätigen. Nach der Arbeit warte ich auf die Speed-Bahn. Ich würde jetzt gerne eine rauchen, aber das ist mittlerweile auf der Straße verboten. Ohnehin sind die Zigaretten so teuer geworden, dass sich wenige diesen Luxus leisten können. Die Bilder auf den Verpackungen sind ohnehin noch drastischer geworden, wodurch das Rauchen wirklich keinen Spaß mehr macht. Wieder zuhause angekommen schalte ich den Fernseher ein, obwohl dort nur noch Schrott kommt. Für was Gescheites muss man extra zahlen. Das Display auf meinem Kühlschrank zeigt mir an, was ich aus den vorhandenen Zutaten kochen könnte, und ich nehme diesmal seinen Vorschlag an. Es gibt jetzt eine Multi-Mikrowelle, die in wenigen Minuten selbstständig kocht. Aber ich persönlich koche noch ganz altmodisch auf dem Herd. Das Schnippeln übernimmt natürlich meine Küchenmaschine, die sowohl Zwiebel in kleine Würfel als auch Gemüse in Streifen oder Scheiben schneiden kann. Im Wohnzimmer gehen die Rollos automatisch runter, da es draußen dunkel geworden ist. Auch das Licht schaltet sich automatisch ein und ich setze mich vor meinem Computer. Der Computer ist der beste Freund des Menschen geworden. Ohne ihn geht gar nichts mehr. Nur eines hat er noch nicht geschafft: Er hat mir immer noch keinen Traummann ausgespuckt.

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