Das widersprüchliche Spiel vom Ende, wie wir es nie kannten. Eine Idylle

Denn wahrlich, ich sage euch, die letzten Tage könnt ihr am Knacken gebrochener Rippen- und Fingerknochen zählen, wenn diejenigen die Daumenschrauben anziehen, die seit jeher die Daumenschrauben in ihren Händen hielten. Und wer behauptet, die Zukunft schaue nicht so düster aus, gehört zu denjenigen, die jeder anständige Mensch anspucken und mit Exkrementen bewerfen müsste. Denn waren nicht in früheren Zeiten die Beschwichtiger die wahren Herrscher dieser Erde? Macht euch keine Sorgen, liebste Brüder, wenn wir mal an der Reihe sind, werden die Rache groß und unsere Bäuche voll sein: eure Ernten verbrannt, eure Kinder vergewaltigt, eure Städte wie Standarten der Schlachthäuser von gestern, eure Bibliotheken – wie sollte es anders sein – verbrannt, das Viech aus den Ställen gelockt, in Züge gepfercht, hinaus zu den Lagern, wo sie liegen, wie Lieder einer einst besessenen Freiheit, dicht beieinander, dicht auf- und neben einander, und gar nicht mehr so schwer, denn der Tod ist ein Meister, der eure Münder verödet, immer und überall.

Derjenige, der ohne Hintergedanken die Welt in ihren Festen zu erschüttern vermag, möge die erste Hülse werfen, Schrapnellstücke aus zersiebten Leichen pulen und die Finger an den Balken blutig schaben. Fordert, was eures ist, also die rückhaltlose Knechtschaft derer, die keine Namen tragen dürfen, euch zum Zeitvertreib dienen, wenn mal wieder Langeweile sich in euren Augen wie brennende Irrenhäuser spiegelt. Und dann der Duft der ersten Nachsommerernte, der eure Nüstern sanft bezetert, die Perfidie eines Gedanken, der zur Onanie anregt, zum genussvollen Erguss über zerschundenen Leibern und getrocknetem Blut – das geile Fleisch und die Eingeweide wie die Vorboten einer Katharsis oder eines schlechten Klischees. Fordert, Brüder und Brüder – denn das Weibische, das wir mehr verachten als den Klang der frühen Wörter, darf nie wieder dieser Erde walten – fordert das Manische, das Perverse und Durchlauchte, die tiefste Verbeugung vor dem großen Schwanz, dem Absolutpatriarchat. Alles vermag der Körper im Exzess zu vergessen: die Mutter, den Vater, den Sohn, die Tochter, die Heimat, das vertraute Wippen der Ähren im Nachmittagswind eines schwülen Tages, die Verletzlichkeit des eigenen Körpers, den gevierteilten Gott, oder die vielen glücklichen Gesichter auf dem Familienfoto, aufgenommen am 24. März 2016 in Salzburg, als sich gerade so etwas wie Menschlichkeit aus der Welt zu schälen traute und jäh vor unseren Augen verblasste. Wo sind die Städte hin und wo die Dörfer? Wo die Kinderlaute und die Stimmen der Frauen, von denen die Väter nur in Stunden äußerster Wehmut sich zu sprechen getrauen? Und wer hat die Welt getötet?

Einst – so erzählen es die Alten – verloren die Vögel ihre Orientierung, fielen kerzengerade auf die Erde und verwandelten die einst grünen Felder in triste Litanei. Die frühen Wörter fingen daraufhin an, auszusterben. Zuerst starb die Sorge, dann das Recht, dann die Lust und so weiter. Als letztes starb die Menschlichkeit. Als die Frauen das rechtzeitig erkannten, bauten sie heimlich den großen Wagen, der sie außerhalb unserer Reichweite, weit in die Hemisphären schoss. Dort weilen sie auch heute noch, wartend auf die letzte Tochter oben und den letzten Sohn hier unten, denn diese werden eines Tages wieder die ersten sein, namen- und geschichtslos, naiv und rein wie das Blöken eines jungen Schafes.

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